Oberammergau erleben!

Informatives - Sehenswertes - Geheimtipps - Natur - Passion - Kultur - Tradition

Bayern Unterammergau

Altes Handwerk in den Ammergauer Alpen: Wetzsteinherstellung in Unterammergau

Wetzsteinherstellung in Unterammergau

Schon im 15. Jahrhundert wurde in der Umgebung von Unterammergau nach Gold und Silber gesucht, was jedoch nicht besonders erfolgreich war. Dabei wurden vermutlich die Steinschichten entdeckt, die zum Schärfen der Schürfgeräte und Sense geeignet waren. Diese Schichten enthalten quarzhaltiges Kalkgestein, das mit Kieselerde vermischt ist. Die Kieselerde hat die schärfenden Eigenschaften, während ein ausreichender Quarzanteil eine allzu leichte Brüchigkeit des Materials verhindert. Diese Schichten sind am Alpenrand anzutreffen und treten in  Pössenbach bei Kochel, in Ohlstadt, in Unterammergau und bei Buching an die Oberfläche.

Gewinnung der Steinplatten

Im Herbst nach der Heuernte zogen die Wetzsteinmacher in die Steinbrüche, um dort die geeigneten Steinplatten herauszubrechen.

Die Steinplatten wurden mit Hilfe von Eisen und Bohrern in den Steinbrüchen gewonnen. Auch mit Sprengungen wurde gearbeitet. Die brauchbaren Platten waren zwischen „blindes Gestein“ eingelagert. Dieses unbrauchbare Gestein war zu glatt und hatte keine schärfende Wirkung. Nur etwa 10 % des Materials war verwendbar, das übrige wurde die Halden hinuntergekippt. In 1865 gab es in der Umgebung von Unterammergau 52 Steinbrüche. Durch herabstürzendes Gestein ereigneten sich leider immer wieder Unfälle.

Herstellung der Wetzsteine

In harter Handarbeit, mit Brechstangen, Meißel und Schlegel wurden diese Platten gewonnen. Anschließend im Kalter gelagert und später ins Tal zu den Schleifmühlen zur Weiterverarbeitung transportiert. Hier wurden die Platten in einem Tag mit Hilfe eines Wasser-Sandgemisches in lange Steinstreifen geschnitten. Diese wurden nun von Hand auf die richtige Länge gebracht und grob zugehauen. Anschließend wurden die Steine in sogenannten Stelzen eingerichtet. In diesem Trog wurden sie wieder mit einem San-Wassergemisch und eines Models (=Steinform) in die richtige ovale Form gebracht. Nach diesem Arbeitsschritt kamen die Steine in den Kliebschneider, wo sie auf die Breite von 2 cm auseinander geschnitten wurden. Im sogenannten Ausschleifer wurden die Steine, die geringfügig stärker waren, noch herunter geschliffen. Den letzten Feinschliff erhielten die Wetzsteine an einem großen Schleifstein oder an einer Schmirgelscheibe. Alle Arbeitsschritte wurden mit Wasserkraft verrichtet.

Nach diesen Arbeiten wurden die Steine gewaschen und etikettiert. Danach im Genossenschaftsgebäude dem „Stoakasten“ abgeliefert und verpackt. Auf Pferdefuhrwerke geladen und an die nächsten größeren Flüsse gebracht, dort auf Flöße umgeladen und weiter auf dem Wasserweg verfrachtet. Diese Transporte wurden meistens von den Vorständen der Genossenschaft begleitet. Die „Steinheigelcompagnie“, später die „Wetzsteinmacher-Genossenschaft“ hatte Niederlassungen u. a. in Wien, Regensburg und Nürnberg.

1865 existierten 32 Schleifmühlen, davon waren 19 Doppelmühlen, diese hatten nur ein Wasserrad und wurden von zwei Wetzsteinmachern zusammen betrieben. Um diese Zeit lebten 40 Familien von der Wetzsteinmacherei. Die Arbeit war ungesund (Staublunge).

Verkauf

Dieser erfolgte über die Wetzsteinmachergenossenschaft. Die fertigen Steine wurden in „Stoakasten“, heute Raiffeisenbank, geprüft und gezählt. Der Vertrieb der in Holzfässer verpackten Wetzsteine erfolgte meist auf Flößen bis nach Wien. Eine strenge Zunftordnung wachte über stets gute Qualität. Vor der Eröffnung der Eisenbahn wurde die meiste Ware auf Wagen nach Oberau gefahren und auf Flößen nach Österreich, Ungarn und in andere Donauländer geliefert; auch nach Franken, Sachsen und Schlesien wurde verkauft. Später erfolgte die Lieferung mit der Eisenbahn. In guten Jahren wurden über 200 000 Wetzsteine abgesetzt. Unterammergau war der größte Wetzsteinproduzent in der ganzen Umgebung.

Ende der Wetzsteinmacherei

In der Zeit um den Zweiten Weltkrieg konnten die Wetzsteine nicht mehr abgesetzt werden. Ursache dafür waren die synthetisch hergestellten Wetzsteine, die aufkommenden Mähmaschinen und die verlorenen Absatzgebiete, die nach dem 2. Weltkrieg zum Ostblock gehörten. Die Schleifmühlen verfielen. In der Klamm bei Unterammergau findet man noch einige Mühlen. Eine Schleifmühle wurde im Freilichtmuseum bei Großweil in der Nähe von Murnau aufgebaut und ist zeitweise in Betrieb. Es wurden zwei Filme über die Wetzsteinmacherei gedreht. Auch das Wappen der Gemeinde Unterammergau erinnert an dieses Handwerk.

Die Wetzsteinmacherei wurde neben der Landwirtschaft betrieben. Die Arbeit in den Schleifmühlen erforderte eine auseichende Wasserführung der Bäche. Der Herstellungsprozess unterlag ständigen technischen Veränderungen. Trotz ihrer schweren und gefährlichen Arbeit waren die Wetzsteinmacher zufriedene Leute, die die Geselligkeit liebten. Die Wetzsteinmacherei war über 300 Jahre ein wichtiges Handwerk, das Unterammergauer Familien ein überdurchschnittliches Einkommen brachte.

 

Das fertige Produkt:

Unterammergau Bayern Wetzstein

 

 

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Scroll to Top